Die Zeit zwischen Knecht und Kibek

Als Elmshorn Zentrum der Luftfahrtindustrie werden sollte oder der große Betrug von Elmshorn.

Von Jürgen Wohlenberg nach Texten von Per Koopmann

„Hubschrauber aus Elmshorn“. So hieß die vielbeachtete Meldung, die im März 1958 aus der fleißigen Industriestadt Elmshorn kam, wo man nach einem nicht weniger beachteten, unseligen „Rathauskrieg“ friedlicheren Zeiten entgegensah.

Ein Mann war aufgetaucht, ein Mann namens Bodo Franke. Seines Zeichens Hubschrauber-Konstrukteur, Diplom‐Ing. natürlich und ehemaliger Mitarbeiter von Messerschmitt, Focker‐Wulf und anderer Flugzeuggrößen. So jedenfalls stellte er sich vor. Er wolle die Knecht’sche Lederfabrik in Elmshorn, die seit einigen Jahren leer steht, kaufen. Sie war ihm vom Amt für Wirtschaftsförderung des Kreises Pinneberg wärmstens empfohlen worden.


Eine kurze Besichtigung am 28. März 1958 und sein Entschluss stand fest: „Noch heute muss sie mir gehören!“. Er bekam sie ‐ für 1.3 Millionen Deutsche Mark. „Und das Geld, Herr Franke?“ fragte man. „Meine Frau ist Belgierin. Ihr Onkel ist Bischof von Gent und ihr anderer Onkel der ehemalige Justizminister unter Bauduin. Sie hat 15 Millionen Mark in ihrer Heimat, Farmen in Leopoldsville, Güter und Mietzinshäuser in Brüssel, Gent und Eeklo.“ Eine Auskunft bestätigte das. Warum also sollte man ihm misstrauen?

Foto: Per Koopmann, Stadtarchiv Elmshorn
Ehemalige Lederfabrik Knecht

„Wir beginnen am 1. Mai 1958! Zunächst mit 2000, später mit 8000 Arbeitskräften. Dafür müssen natürlich Siedlungen gebaut werden. „Bodo‐Siegfried‐Franke‐Siedlungen sollen sie heißen. – Dafür kann ich doch Gelder aus dem Fond für sozialen Wohnungsbau bekommen, oder?“

 

„Und wie steht es mit Aufträgen, Herr Franke?“ – „Liegen vor, aus Indien, Australien, England, aus Nordrhein‐Westfahlen, von der Gesellschaft für Lufttaxis und noch viele, viele mehr. – Wir müssen noch in diesem Jahr wöchentlich 200 Hubschrauber vom Typ „Franke‐Copter A4“ herstellen, um den Wünschen der Auftraggeber nachzukommen!“


Diese Besprechung dauerte bis Mitternacht. Ein Notar, ein Makler, der Bürgermeister, alle mussten in die „Königs‐Pilsner‐Stuben“ in Elmshorn kommen, um dieses Projekt unter Dach und Fach zu bringen. Eine Mammutarbeit, denn es musste an diesem Abend in der Gaststätte noch eine GmbH gegründet werden, zu der Herr und Frau Franke gehörten. Er übernahm 100.000 DM, gedeckt durch seine „Konstruktionsunterlagen“, sie 400.000 DM, gedeckt durch ihr „Vermögen“ in Belgien.


Geschäftsführe wurde der Diplom‐Kaufmann Willy Berthold aus Hamburg. Er kannte Franke gerade 14 Tage. Er hatte ihm aus der Verlegenheit geholfen. Franke hatte momentan kein Geld. Nachdem alle Beteiligten eine Flasche Rotwein ausgegeben hatten, lieh Franke sich auf der Toilette vom Makler 10 DM, damit er nach dem erfolgreichen Vertragsabschluss auch eine Flasche ausgeben konnte.


Die „Franke‐Copter GmbH“ war geboren. Ihr gehörte eine Riesenfabrik und 12.000 qm Grundfläche, auf dem die Gebäude stehen. Briefköpfe werden gedruckt, grau auf Leinen, und ein beigefarbener Mercedes 180 A mit Schiebedach gekauft. Auch das Auto ist von dem Geschäftsführer auf Wechsel gekauft. Geld ist nie bezahlt worden. Man hatte alles was man brauchte, um in Aktion zu treten. Ohne Geld. Kein Pfennig war bewegt worden. Genial gemacht. So genial, dass auch die Presse Einstieg mit der eingangs zitierten Meldung.

Die Pressenotizen in der Elmshorner und überregionalen Presse waren ihm bei seinen Reisen sehr nützlich, wiesen sie ihn doch, bestätigt durch das Vertragsdokument, als Hubschrauberfabrikant mit einem Werk von 1.3 Millionen Wert aus. Denn wer wusste schon, dass Franke Hubschrauber noch nie geflogen war, dass Franke bisher nur Staubsauger und Rasierapparate verkauft hatte, dass er wegen Führen falscher Titel verurteilt war, dass das Belgien Vermögen „eingefroren“ war und dass er Schulden auf dem Buckel hat mit mindestens 5 Nullen, vor dem Komma.


Zumindest wussten es die Tschechen nicht, die ihm in Prag als westdeutschen Wirtschaftskapitän und Flugzeugkonstrukteur fürstlich empfingen und ihm die Lizenz für die Herstellung eines ihrer Hubschrauber, des sogenannten Modells „HC 2“ der Firma Omnipol verkauften. „In 8 Tagen haben Sie Ihr Geld, ich habe Millionen in Belgien und eine Fabrik in Elmshorn in Deutschland. Dort wird der HC 2 gebaut. Wir haben  Gleisanschluss und einen Hafen, von wo wir den Copter nach Übersee verschiffen können. Ideal geradezu!“

 

Das war vor Pfingsten. Franke kehrte nicht mehr nach Elmshorn oder Hamburg zurück. Im Büro der „Flugzeugbau‐Gesellschaft“ in Hamburg hatte man inzwischen das Telefon abmontiert, da man partout die 850 DM Gebühren nicht bezahlen konnte.


Vorher flog er am 13. April noch einen in der Presse angekündigten „Flug über Elmshorn“. Er wolle sich „informieren“ und einen zukünftigen Landeplatz suchen, Gelände dafür kaufen. Nach dem Flug am Sonntagmorgen (Nur wenige sahen ihn. Es war kein Hubschrauber, wie man hätte annehmen sollen. Jetzt waren aber jetzt die letzten Zweifler überzeugt. „Da ist was dran. Er ist ja schon hier herumgeflogen.“ Und in der Phantasie der Leute war es dann bald doch ein Hubschrauber, oder sogar mehrere.


Bodo Franke fuhr mit seinem Mercedes 180 A, dem Elmshorner Kauf‐ und dem tschechischen Lizenzvertrag, beides für ihn nicht mit Gold aufzuwiegen, zu Banken und anderen Institutionen, um endlich die Mittel flüssig zu machen, die er so dringend brauchte.


Und wenn er sie bekommen hätte, was dann? Zunächst hätte er wohl erst einmal die vielen Gläubiger ruhig stellen müssen, die ihn bedrängten. Und dann? Wären dann jemals Hubschrauber in Elmshorn gebaut worden? Das war wohl nie anzunehmen. Von dem „Franke‐Copter A4“ gibt es nur Fotos, geflogen ist er nie. Die Behauptung, der Hubschrauber sei von der „Technischen Versuchsanstalt“ in Braunschweig abgenommen, stimmt natürlich nicht. Nach einer blamablen Vorführung im Februar 58 in seiner Heimat in Nordrhein‐Westfahlen, also vor seinem Auftritt in Elmshorn, vor Presse, Wochenschau und Fernsehen gilt der Franke‐Copter als Bastelarbeit eines Psychopathen. Das Fluggerät steht seit der Zeit in der Garage des Erfinders.


Aber diese Fragen erübrigen sich, da Herr Franke inzwischen aufgrund mehrerer Haftbefehle gesucht wird und an seinem Heimatort in seiner Wohnung in Immekapel im Bergischen Land, in der auch seine Frau mit den drei kleinen Kindern wohnte, verhaftet wurde.

 

Weiß die ehemalige Widerstandskämpferin im Majorsrang mit der „Medaille de la Guerre“ und dem Doktorgrad der Psychologie, wie Ehemann Franke erzählte, wer ihr Mann ist, den sie 1952 heiratete? Hat er auch ihr erzählt, dass er Leiter des österreichischen Geheimdiensts war, dass er die Vergeltungsaktionen auf das tschechische Lidice, jene unrühmliche Tat des 2. Weltkrieges, geleitet hat. Hat er sich auch ihr als Ritterkreuzträger für die Versenkung des englischen Flugzeugträgers „Couragous“ vorgestellt? Weiß sie, dass er behauptete unter dem Pseudonym Frank F o x ein berühmte Schlagerkomponist zu sein?


Es gelang ihm allerdings erst einmal den Richter von seiner Harmlosigkeit zu überzeugen, sodass er auf freien Fuß gesetzt wurde. Erst 1961, nach weiteren Betrügereien in Belgien, Holland und Frankreich als Bülow von Bredow, von Bieberstein und Graf von Reenstorff wurde er endgültig verhaftet und verurteilt.

 

Quelle: Archiv Per Koopmann, Stadtarchiv Elmshorn

 

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